Das Verhör
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Posted 19-10-2003
[18. März 1803, Mainz][...]
561) Ihr habt in eurer Antwort auf die hundert zwei und siebenzigste Frage schon eingestan-den, daß ihr den Anschlag gefaßt hattet einen Juden zu Illingen zu bestehlen. Habt ihr keinen Anfang zur Ausführung des besagten Diebstahls gemacht?
Antw. Wir hat schon ein Stük Holz genommen, mit welchem wir die Thüre einstossen wollten, aber diese war so gut verschlossen, daß sie allen unsren Anstrengungen widerstand, und daß wir endlich gezwungen waren, die Ausführung unsers Anschlag aufzugeben.
562) Welche sind die Umstände, die den Raub bei Salomon Benedickt in Erbesbüdesheim begleiteten?
Antw. Ihr wißt schon, daß dieser Raub zu Iben auf den Vorschlag des alten Müller-Hannes verabredet wurde; diejenigen, welche Theil daran nahmen, sind: Besagter Müller-Hannes, sein Sohn Johann Nikolaus, Georg Friedrich Schulz, Krug-Joseph, Peter Hassinger und Franz Mundo.
Der Diebstahl hat sich auf folgende Art zugetragen; nemlich:
Die Thüre wurde eingestossen mit einem Balken, welchen wir ausser dem Dorf gefunden hatten. Ich gieng mit Krug-Joseph und denen beeden Müllern in das Haus; wir fanden darinn vier und zwanzig Louisd’or an Geld, einen silbernen Becher und zwei paar silberne Schnal-len, so wie auch etliche Kleidungstükke. Krug-Joseph hat einem jungen Juden etliche Hiebe mit der flachen Säbelklinge gegeben und ich dem alten Juden eine Ohrfeige. Wir waren alle mit Schießgewehren bewaffnet, von welchen wir aber keinen Gebrauch machten, ausgenom-men daß, als wir aus dem Dorf giengen, wir in die Luft geschossen haben.
563) Habt ihr noch etwas eurem Verhör beizufügen?
Antw. Nein.
564) Was habt ihr zu eurer Vertheidigung zu sagen?
Antw. Ich weiß, daß ich unendlich viele, mehr oder weniger strafbare Verbrechen begangen habe: Nur meine äusserste Jugend, ein Zusammentreffen unglüklicher Umstände, die Unmöglichkeit, in welcher ich mich befunden habe, eine andere Lebensart wieder zu beginnen, meine lebhaft Reue und mein Benehmen als Räuber selbsten, endlich die offenherzige Angabe meiner Verbrechen und meiner Mitschuldigen, können meine Hoffnung auf die Gnade der Regierung aufrecht erhalten. Ich will Ihnen eine Skizze meines Lebens geben; ich werde mich auf die Menschlichkeit meiner Richter und auf die Weisheit meines Vertheidigers verlassen, ob sie Mittel darinn finden können, die Strenge des Gesezzes zu mindern.
Sie wissen schon, daß ich zu Mühlen bei Nastädten auf dem rechten Rheinufer gebohren wurde, allwo mein Vater das Gewerb eines Abdekkers trieb. Ich hatte noch nicht vier Jahre, als mein Vater diesen Ort verließ, um nach Pohlen auszuwandern; unterwegs ließ er sich unter das kaiserliche Regiment Hildburghausen anwerben, welches damals zu Ollmüz in Mähren lag. Als ich das neunte Jahr erreicht hatte, dessertirte mein Vater; meine Mutter und ich folgten ihm auf die preußischen Gränzen, wo wir ihn wieder fanden; man gab uns einen preußischen Paß, mit welchem wir in die Rheingegend und nach Merzweiler auf dem Hundsrük, Geburtsort meines Vaters, kamen. Dieser hatte nach und nach die Orte Hommerich, Langweiler und Hobstetten, wo er der Feldschüz war, zur Wohnstätte; ich besuchte die Schulen und wurde zu Cappeln in der Lutherischen Religion conformirt; seitdem wohnte mein Vater nach und nach zu Hommerich, Kirchenbollenbach, Idar und Veitsroth.
Hier verließ ich das väterliche Haus im Anfang des Jahrs siebenzehn hundert sieben und neunzig.
Ich hatte damals ein Alter von fünfzehn und ein halb Jahr erreichet und verließ aus folgender Ursache meine Eltern: der Gastwirth Koch in Veitsroth hatte mir eine Louisd’or gegeben, um Brandwein zu Oberstein für ihn zu kaufen. Statt mich dieses Auftrags zu entledigen verzehrte ich dies Geld in den Wirthshäusern, mit einem Namens Hannfried (Eisenhuth).
Da ich die gerechte Züchtigung für diesen Fehler fürchtete, wagte ichs nicht nach Haus zurükzukehren. Ich irrte dann in der Gegend herum, und der gänzliche Mangel an Lebensmit-tel veranlaßte mich den ersten Raub zu begehen, welcher der eines Pferds auf dem Schönbor-ner Hof war, und welches ich auf den drei Weyher, einem Namens Heinrich Delis verkaufte; dieser Delis ist der nemliche, welcher seitdem durch Lorenz-Peter bei Darmstadt, getödtet worden ist.
Wenige Zeit hernach, gieng ich in Dienste des Bürgers Nagel, Scharfrichter und Abdekker in Bärenbach; ich verließ diesen Dienst, um in denjenigen meines Vetters Bückler, in Sobern-heim zu tretten, kehrte aber bald wieder nach Bärenbach zurük.
Während also ich zum zweitenmal da war, machte ich die Bekanntschaft eines Mezgerknechts von Kirn; dieser rieth mir Hämmel zu stehlen, indem er mir versprach, alle die, welche ich ihm bringen würde, zu kaufen. Ich war schwach genug, diesem verderblichen Rath nachzugeben und begieng wirklich mehrere Hämmel-Diebstähle; der Namens Johann Nikolaus Nagel, von Weyden, welcher sich auch bei Bürger Nagel von Bärenbach in Diensten befand, stund mir in diesen verschiedenen Diebstählen bei.
Die Obrigkeit von Kirn, welcher diese Verbrechen angezeigt wurden, hegte Argwohn gegen mich, ließ mich zu Bärenbach anhalten und von da nach Kirn führen. Ich entwischte aus meinem Gefängniß in der ersten Nacht, kehrte nach Bärenbach zurük, um allda meine Kleider zu holen und von da begab ich mich nach Kirn, um zwei Große-Thaler, welche mir der Mezger Franz, als Preiß der an ihn verkauften gestohlenen Hämmel noch schuldig war, zu beziehen.
Von Kirn gieng ich nach Hennweiler, wo ich die Namens Müllerhannes und Petronellen-Michel (Michel Huth) antraf; ich erzählte ihnen meine Begebenheiten; Müllerhannes beredete mich, mit ihm zu gehen; ich folgte ihm auf den Ayener-Hof; ich verließ ihn sogleich den folgenden Tag und begab mich in den Hohwald auf die Mühle zu meinem Vetter Hahn und der Wittib Dupre.
Von diesem Zufluchtsort aus habe ich mehrere Diebstähle begangen; nämlich:
a.) Leder zu Meisenheim, welches ich den folgenden Tag des Raubs, dem nemlichen Gerber dem ich es gestohlen hatte, wieder verkaufte.
b.) Dem Bürger Riebel von Wiesweiler ein Pferd, welches ich dem Namens Winkler von Hundheim verkaufte.
c.) Tuch zu Birkenfeld: Zu selbiger Zeit wurde ich in Zusch durch dasige Jäger arretirt, ergriff aber während meiner Verhaftung die Gelegenheit auf der Mühl durchzugehen.
Ungewiß über den Ort, wo ich mich hinflüchten könnte, irrte ich in dem Hohwald herum, ich entschloß mich endlich auf das andere Rhein-Ufer zu gehen, um meiner Mutter Verwandte heimzusuchen; ehe ich aber diesen Anschlag ausführte, welcher allein vor größern Verbrechen mich hätte bewahren können, machte ich die Bekanntschaft des Jakob Fink in der Treberhanneshütte; dieser, indem er die traurige Lage, worinn ich mich befande, mißbrauchte, zog mich in seine Verbrechen; ich begieng mit ihm und seinen Cameraden dergleichen, wie Johann Georg von Lauschied, Keßgen, Schwarzpeter, Ildes-Jakob, Jäger-Philipp etc. mehrere Pferdsdiebstähle.
Damals wurde ich zum zweitenmal auf der Mühle zu Weiden angehalten und in die Gefängnisse nach Saarbrükken geführt; da fand ich die Namens Fink und Keßgen; diese hatten schon eine Oefnung vorbereitet, um durchzugehen; wir benutzten sie in der ersten Nacht meiner Verhaftung. Durch diesen unglüklichen Fortgang mehr beherzt, fuhr ich in meinem alten Lebenswandel fort. Eine dritte Verhaftung zu Schneppenbach unterbrach aufs neue den Lauf meiner Räubereien, die Verhöre, welche ich zu Simmern in der Folge dieser Verhaftung ausgehalten habe, enthalten umständlich, was ich bis auf selbigen Zeitpunkt begangen habe.
Ich schaudere noch diesen Augenblik, wann ich mich der Härte der Gefangenschaft, welche ich da empfunden habe, erinnere.
Die Nacht hindurch war ich mit Ketten beladen, und in einem finsteren, feuchten, unterirdischem Gewölb gefangen gehalten, des Tags erlaubte man mir zu Zeiten, eine gesunde Luft in einem höhern Gefängniß einzuathmen; ich fand allda Philipp Arnold von Argenthal. In den Augenblikken, wo man mich aus meinem unterirdischen Gewölb heraus gehen ließ, wurde ich durch etliche Bürger bewachet; einer dieser Wächter verschafte mir ein Messer, ich bediente mich dessen, um ein Brett in dem Gefängniß, wo ich einen Theil des Tages zubrachte, durchzuschneiden. Als ich mir also einen Ausgang in die Küche geöfnet, bediente ich mich eines Seils, welches Philipp Arnold oben an mein Gewölb fest gebunden hatte, um in den Thurm hinaufzusteigen: Nachdem ich bis in die Küche gedrungen war, fand ich deren Fenster mit eisernen Gitter versehen, ich erschütterte mit Gewalt dieses Gitter und warf es auswärts. Ein kühner Sprung befreite mich gänzlich meines Gefängnisses; aber ein großer Stein, welcher sich losgemacht hatte, fiel mir nach, und brach mir ein Bein.
Da ich nicht gehen konnte, ergriff ich eine Hopfenstange, und kroch mühselig, während der nemlichen Nacht bis in den Berghauser Wald; die folgende Nacht sezte ich meinen schmerzhaften Weg bis in den bei der Apperter-Mühl, in der Gegend von Gellweiler gelegenen Wald, und die Nacht des dritten Tags, bis in die Mühl bei Birkenmühl fort, allwo ich die erste Nahrung seit meiner Entwischung zu mir nahm: von da kroch ich bis nach Sonschid, wo ich mich zu Carl Engers flüchtete; alle diese Anstrengungen auf den Knien zu kriechen, und auf dieser Hopfenstange gestüzt zu gehen, hatten mir unter der Achsel und auf den Knien das Fleisch bis auf die Knochen zerrissen. Engers lehnte mir ein Pferd, mit welchem ich mich nach Bärenbach begab, wo mein alter Meister mir das Bein wieder einrichtete und eine Salbe zum verbinden gab; ich kehrte zu Engers zurük, wo ich meine Kur, welche ohngefehr drei Wochen erforderte, vollendet habe.
Nach meiner Wiederherstellung begieng ich die Straßen-Räubereien, die ihnen schon bekannt sind; meine damalige Mitschuldigen, waren Martin Schmitt, Philipp Gilchert, Carl Benzel, Carl Engers, Peter Dahlheimer, Georg Otto Pick und Philipp Arnold etc.
Die ersten nächtlichen Diebstähle mit offener Gewalt und Einbruch begleitet, waren der zu Ozweiler und zu Hottenbach.
Nach der Geschichte zu Ozweiler gieng ich für das erstemal über den Rhein; ich macht auf dem andern Ufer die Bekanntschaft der Diebe von der Niederländer Band und andrer Leute dieses Schlags.
Ich trieb das Gewerb eines Markt-Krämers unter dem Namen Jakob Ofenloch, längs der Bergstraße in der Wetterau an der Lahn und in dem Bezirk dem sogenannten Maingrund; ich verkaufte allda die Waaren, welche ich auf dem linken Rhein-Ufer raubte und kaufte deren noch von Zeit zu Zeit in Frankfurth; als aber meine Gelder erschöpft waren, kam ich auf das linke Rheinufer zurük, um mir frische zu verschaffen.
Ich bekenne, daß ich Strafe für alle diese Verbrechen verdient habe; aber man wird mir doch keine Grausamkeit vorwerfen können, und wann meine Mitschuldigen deren begangen haben, so that ich alles was von mir abhieng, um sie davon abzuhalten.
Lange Zeit nährte ich schon die Hofnung in mir, dieses schimpfliche Leben endlich zu verlassen, und Bürger Lichtenberger, Inspector der Salinen in Münster, wird bescheinigen können, daß ich mich an ihn gewendet habe, um zu wissen, ob kein Mittel für mich wäre, in die menschliche Gesellschaft zurükzukehren. Als ich sahe, daß mir alle Hofnung zur Rükkehr untersagt war, so war mein Vorsaz, das linke Rhein-Ufer zu verlassen und mich in Deutschland anwerben zu lassen. Um dieses Vorhaben zu bewerkstelligen, begab ich mich wirklich auf das rechte Ufer; Ich wollte mich von meinen Waaren machen und sie in dem Runkelischen Lande verkaufen; ich wurde hinaus geführt; ich kehrte wieder dahinzurük; man hielt mich an, und bei dieser Gelegenheit erklärte ich meinen Willen unter den kaiserlichen Truppen zu dienen. Man übergab mich den in Limburg gelegenen kaiserlichen Werbern; es entdekte jemand meinen wirklichen Namen, man führte mich nach Frankfurt, da gestand ich wer ich war, und dieses veranlaßte meine Auslieferung an die Französischen Behörden.
In dem aufrichtigen Geständniß meiner Verbrechen ersah ich das einzige Mittel, selbige in soweit es von mir abhieng, auszusöhnen, und die Uebel, welche ich der Gesellschaft zugefügt habe, zu verbessern; ich überlasse denjenigen, die mich urtheilen werden, zu erwägen, ob ich diese Verbindlichkeit, welche ich mir aufgelegt, erfüllt habe; und welches auch mein Schiksal seyn mag, ich werde mich ihm mit Standhaftigkeit unterziehen; nur zu unglüklich, wenn es mir nicht mehr erlaubt ist, der Gesellschaft durch rechtschaffende Handlungen Unterpfänder der Aufrichtigkeit meiner Reue geben zu können.
565) Habt ihr euch schon einen Vertheidiger gewählt?
Antw. Nein, aber ich wünschte, daß man mir den Bürger Hadamar ernenne.
Wir obenbesagter Richter haben sodann den Bürger Hadamar, Rechtsverständigen, als Vertheidiger des besagten Angeklagten ernannt und verordnet, daß ihm gegenwärtige Ernennung, mit der Einladung diese Vertheidigung zu übernehmen, zugeschikt werden solle. [...]
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