Das Verhör
Diese Seite sieht in einem modernen Browser besser aus, aber der Inhalt kann auch mit älteren Browsern oder Geräten betrachtet werden.Ich empfehle Ihnen auf einen neuen Browser umzusteigen.
Posted 19-10-2003
[07. Oktober 1802, Mainz][...]
408) Ihr habt in dem Verbal-Prozeß der Confrontation, welche den zweiten dieses zwischen euch und dem Nikolaus Wagner von Sonschied geschehen ist, schon eingestanden, daß ihr auf offener Straße bei Naumburg zwei Personen, wovon der eine ein Christ und der andere ein Jude war, beraubt hat: Wißt ihr die Namen dieser zwei Personen nicht?
Antw. Ja, der Christ war der Bürger Mattheus Mezger, in Sobernheim wohnhaft, und der Jud ist aus dem nemlichen Ort; ich kenn aber seinen Namen nicht.
409) In welcher Zeit und auf welche Art ist dieser Diebstahl begangen worden?
Antw. Es ist ohngefähr zwei Jahre, daß ich zu Sonschied war; es war damals Markt zu Birckenfeld, ich verabredete mich mit Karl Engers und Peter Dahlheimer von Sonschied bei Hagenfels, zwischen Nauenburg und Weyerbach zu mir zu stoßen. Sie kamen wirklich dahin und brachten den Namens Nikolaus Wagner von Sonschied mit. Die erste Person, welche wir antrafen, war ein Namens Dreher-Jakob von Weiherbach; da wir wußten, daß diesem Manne nichts zu nehmen, weilen er uns ein armer Teufel bekannt war, so haben wir ihm nichts gethan; wir hörten dennoch von selbigem, daß auf dem Weg gegen Oberstein zwei Männer wären, welche aus Furcht der Diebe, welche sich in diesem Wald vorfinden könnten, nicht dadurch gehen wollten; wir sagtem ihm auf der Stelle zurük zu gehen, und jene Reisenden glauben zu machen, daß er niemand in diesem Walde angetroffen habe und daß sie in völliger Sicherheit durchreisen könnten.
Eine kurze Zeit hernach kamen auch wirklich diese zween Männer, wovon ich in meiner Antwort auf die vorhergehende Frage gesprochen habe; als wir hinter dem Felsen, wo wir uns im Hinterhalt gestellt hatten, hervor kamen, wurden wir von einem Hunde angefallen, welchen Karl Engers aber sogleich durch einen Flintenschuß zusammen schoß, jedoch ohne ihn zu tödten, und welchen ich dann durch einen zweiten Schuß vollends tödtete.
Nachdem wir den zween Reisenden ihr Geld abgefordert hatten, so gab mir der Mezger Mathias eine Blase, in welcher vier oder fünf Gulden waren, und obschon ich beobachtet hatte, daß Mathias noch einen angefüllten Geldgürtel bei sich hatte, so wollte ich mich dennoch mit der Summe, welche er mir gegeben hat, begnügen: allein Karl Engers, welcher ebenfalls diesen Gürtel erblikt hatte, forderte selbigen den Mathias, welcher ihn, ohne daß irgend eine Gewaltthätigkeit gegen seine Person verübt worden, hergab. Bei dem Juden haben wir nicht mehr als einen fünf Livres Thaler und etliche Kreuzer gefunden. Wir waren alle mit Flinten bewaffnet, aber haben keinen Gebrauch davon gemacht oder sonsten Gewalt gegen jemand ausgeübt.
410) Habt ihr diesen Wagner vormals gekannt?
Antw. Nein, und seit der Zeit habe ich ihn nicht mehr gesehen.
411) Wißt ihr nicht warum Nikolaus Wagner sich auf die rechte Rheinseite begeben, und was er darauf gemacht hat?
Antw. Ich vermuthe, daß er die linke Rheinseite aus Furcht verlassen hat, weilen man den Karl Engers und den Vater des obengenannten Dahlheimer schon eingezogen hatte; was er aber auf der rechten Seite getrieben haben mag, weiß ich nicht.
412) Ihr habt vor dem Friedensrichter des Kanton Simmern schon eingestanden, daß ihr bei dem Raub und Mord, welche den sieben und zwanzigsten Thermidor sechsten Jahres auf dem Weg zwischen Dörrenbach und Argenthal an dem Bürger Simon Seligmann von Seibersbach sind verübt worden, gegenwärtig waret; sagt uns jezo die Umstände dieser That und welchen Antheil ihr daran genommen habt?
Antw. Ich war mit Peter Petry dem sogenannten Schwarz-Peter und dem alten Dessoye welcher auf der Glas-Hütte im Sonwald wohnt, in dem Haus zum Thiergarten im sogenannten Sonwald; unsere Absicht war, mit dem Bürger Klump von Elleren eine Uebereinkunft zu treffen, um selbigem seine Pferde, welche wir vorher gestohlen hatten, wiederum zu ver-schaffen. In Erwartung der Ankunft des gedachten Bürger Klump, trank Schwarz-Peter eine solche Menge Brandwein, daß er fast gänzlich seiner Sinne beraubt war: er machte tausend Ausschweifungen und erlaubte sich die grösten Exzessen gegen alle Leute des Hauses. Er zwang etliche Juden Musikanten in das Haus zu kommen und ihm Musik zu machen, und wann ihm selbige mißfiel, so zog er sein Messer gegen diese Juden; ich hielt ihn ab, so viel von mir abhieng, ein grössers Unglük zu machen. In einem dieser Auftritte verwundete sich Schwarz-Peter selbsten an der Hand: Endlich kam ein Jud von Seibersbach, welcher sich einen Augenblik vor dem Hause aufhielt um trinken zu begehren, Schwarz-Peter erblikte ihn nicht sobald, daß er ganz rasend geworden, sagend: daß er sich an diesem Juden rächen würde, weilen derselbe schuld war an den Mißhandlungen, welche an seiner Gevatterin durch ihren Mann sind verübt worden, und an deren Folgen sie gestorben ist. Er folgte sogleich diesem Juden, und sagte mir die Musikanten zu bewachen, damit sie nicht durchgiengen: Schwarz-Peter war aber kaum eine kleine Strekke vom Hause, so ließ ich die Juden durch den entgegengesezten Weg fortschleichen, und folgte dem Schwarz-Peter.
Nachdem ich in den Bezirk zum sogenannten Heidensteil kam, sahe ich, daß Schwarz-Peter diesen Juden zu Boden hatte und selbigem sein Messer mehreremale in die Brust stieß. Ich schrie sogleich: Potz Sternsackerment was machst du da! Allein Peter ohne mir zu antworten sah mich an und drehte sich mit einer rasenden Miene mit seinem Messer gegen mich, indem er mir sogleich sagte: Wie, du bist ein Cochemer und willst mit einem verfluchten Juden Mitleiden tragen? Um mich dann selbsten gegen die Ausschweifungen, zu welchen ihn seine Raserei gegen mich verleiten konnte, sicher zu stellen, wendete ich um und gieng in den Thiergarten zurük, allwo ich dem Bewohner des Hauses, was sich zwischen dem Schwarz-Peter und dem Juden zugetragen hat, erzählte. Diese baten mich zu verhindern, daß Schwarz-Peter wieder in ihr Haus zurük käme. Allein er kam demohngeachtet wieder und machte noch tausend Exzessen, indem er alles, was unter seine Hände fiel, zerschluge und zerschmetterte. Ich verließ ihn und begab mich in das Gesträuch. Peter, nachdem er aus diesem Hause gegangen war, verfolgte noch einen Bauern und wiedersezte sich etlichen Männern zu Pferd, welche vor dem Thiergarten vorbeigeritten waren: Endlich kam er mit dem, dem Juden abgenommenen Päckchen zu mir, von da wir uns in die Gegend des Bangarterhofs verfügten und durch die Tochter des Schwarz-Peter den Juden Leiser von Altenbamberg zu uns rufen ließen. Wir verkauften ihm diese Waaren, und für mein Antheil gab mir der Jude Tuch für ein Rok, Baumwollenzeug für West und Hosen und noch sechs Franken Geld; der Verkauf dieser gestohlenen Waaren hat sich in dem Wald nahe am Bangarterhof zugetragen, und ich nahm mein Tuch, und Baumwollenzeug in dem Haus des Juden zu Altenbamberg. Der Jud wußte wohl, daß diese Sachen von einem Diebstahl herkamen, denn obschon wir ihm selbiges nicht sagten, so waren der Ort, wo der Verkauf geschehen, und der niedere Preiß, für welchen er uns die Waaren abkaufte, hinlänglich, dem Juden den Ursprung dieser Waaren zu erkennen zu geben.
413) Welches ist dann die Geschichte warum Schwarz-Peter einen Haß gegen den Juden Simon Seligmann trug?
Antw. Ich habe von Schwarz-Peter gehört, daß bei der Taufe einer seiner Kinder der sogenannte Ildes-Jakob (Jakob Kremer oder Buchbinder) von Lippshausen der Pathe war; daß sie miteinander vom Sonwald, wo Schwarz-Peter damals wohnte, nach Lippshausen gegangen seien um die Taufe zu feiern; daß nachdem sie zurük gegangen waren, Schwarz-Peter mit der Frau des Ildes-Jakob voraus gegangen seien, und diesen Juden angetroffen hätten; daß dieser leztere dem Ildes-Jakob, welcher den andern folgte, beibrachte als hätte er den Schwarz-Peter und des Ildes-Jakobs Frau, in einer Lage, welche nothwendigerweiße die Eifersucht ihres Mannes rege machen mußte, angetroffen; daß der Ildes-Jakob, durch diese Erzählung verleitet, seiner Frau einen solchen schreklichen Schlag gab, daß sie auf der Stelle den Geist aufgab, und daß dieses alles auf dem nemlichen Platz geschehen, wo Schwarz-Peter seitdem den Juden ermordet hat.
414) Wann eure Aussage wahr ist, daß ihr kein Antheil an der Ermordung des besagten Juden genommen habt; wie kommt es dann, daß Schwarz-Peter mit euch die gestohlenen Waaren getheilt habe?
Antw. Es ist bei den Leuten unsers Schlags ein angenommener Gebrauch, daß nachdem man Kamerad und in Gesellschaft miteinander ist, getheilt werden muß, was man stehlen mag, auch wenn der andere nicht dazu beigetragen hat.
415) Ihr saget, das Haus, Thiergarten genannt, nach dem Schwarz-Peter verlassen zu haben, ich bemerke euch, daß untadelhafte Zeugen da sind, welche aussagen, daß ihr dieses Haus miteinander verlassen habet; ihr saget weiters, keinen Antheil an den Gewaltthätigkeiten, welche an dem Juden ausgeübt worden sind, genommen zu haben, da es doch durch die Prozedur gewiß ist, daß man zween Stökke auf dem Plaz, wo der Jud ermordet worden, gefunden hat. Ich ermahne euch die Wahrheit zu sagen, und den Antheil, welchen ihr an diesem Mord genommen habet, einzugestehen?
Antw. Ich weiß nicht mehr, ob wir das Haus miteinander verlassen haben oder nicht; aber so viel ist gewiß, daß Schwarz-Peter voraus gegangen ist, und er allein diese Mordthat begangen hat.
Was die Stökke anbetrift, so bemerke ich, daß ich den nemlichen Stok, welchen ich damals hatte, noch lange hernach gehabt habe, und daß ich ihn sogar noch bei meiner Arrestation in Weyden trug. Er blieb damals zu Oberstein. Der Friedensrichter gab ihn einem Namens Kuhn, Mezger zu Oberstein: Nach meiner Entwischung zu Simmern, gab mir dieser Mezger selbigen wieder, und ich habe ihn hernach zu Breunigeborn verkauft.
Verbessert der Angeklagte seine Aussage, daß Kuhn ihm diesen Stok vor seiner Arrestation zu Schneppenbach zurük gegeben hat, und daß der nemliche Stok, welcher mit Leder besezt ist, sich gegenwärtig zu Simmern befinden soll.
[...]
Archiv | Links | Wunschzettel
Digitalkameras aller Hersteller bei Directshopper
Leserbriefe geben die Meinung der Verfasser wieder.
Ein Anspruch auf Veröffentlichung im Rheinhessenarchiv :: Genealog besteht nicht.
Ich behalte mir die Kürzung von Beiträgen vor.
Copyright 2000-2003 Melanie Langenhan, Königsberger Str. 33, D-55268 Nieder-Olm
webmaid at web.de - Alle Rechte vorbehalten -
Rheinhessen, Genealogie und Geschichte ... Rheinhessenarchiv :: Genealog
i